Mann allein auf einer Bank
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Allein muss nicht einsam heißen

Isolation macht Menschen krank

von Helmut Achatz (Kommentare: 0) , Foto: ©kichigin19 - stock.adobe.com

Wer allein ist, muss nicht einsam sein. Umgekehrt gilt, wer einsam ist, muss nicht allein sein. Alleinsein ist manchmal sogar wichtig, um zu sich selbst zu finden. Einsamkeit hingegen isoliert und macht auf Dauer krank. Das zu erkennen und daraus die richtigen Rückschlüsse zu ziehen, ist entscheidend.

Wenn sich niemand um die letzte Ruhestätte kümmert, übernimmt das in München die Stadtverwaltung und organisiert eine „Bestattung von Amtswegen“. 2008 waren es 315; 2017 waren es mit 605 Fällen fast doppelt so viele. Vermutlich die meisten der so Bestatteten waren allein und einsam, denn auch zum Begräbnis kam in der Regel niemand. Nur ein schlichtes Holzkreuz erinnert an die Verstorbenen.

Großstädte anonymisieren Menschen

München ist da keine Ausnahme – die Anonymität der Großstadt fördert das Phänomen Einsamkeit offensichtlich, wie an den Zahlen ablesbar ist. Dabei sind es längst nicht immer nur die Alten, die einsam sind. Junge und Mittdreißiger trifft es ebenfalls. Das Muster ist immer das gleiche: Alleinlebende kapseln sich ab, haben Schwierigkeiten, auf Menschen zuzugehen. Das hat zur Folge, dass Kontakte zerbröseln und niemand mehr da ist, mit dem sie reden können und der sich um sie kümmert. Der Gesellschaft wird das Ausmaß der wachsenden Einsamkeit erst durch solche Fälle bewusst.

Allein oder einsam – wo ist der Unterschied?

Wann wird aus Alleinsein Einsamkeit? Spüren wir doch einmal in uns hinein. Fühlen wir uns allein oder einsam, wenn niemand sonst außer uns anwesend ist? Wie fühlt sich das an? Haben wir das Gefühl, wir sind allein auf der Welt, verloren und verlassen, keiner kümmert sich um uns, keiner will etwas von uns wissen, niemand beachtet uns, niemand braucht uns? Wir bemitleiden uns selbst, sind dem Heulen nah? Wir empfinden das Alleinsein als Last und klagen an – wen genau, wissen wir oft selbst nicht. Es fühlt sich an wie ein Dauerschmerz. Lässt sich Einsamkeit besser beschreiben? Einsam ist, wer darunter leidet.

Niemand ist davor gefeit

Mal ehrlich, wer hat sich in seinem Leben noch nie einsam gefühlt, wenn er allein war – oder sogar unter anderen Menschen? Eine Ehe ist kein Garant für Zweisamkeit, wenn der Partner sich illoyal verhält, einen ignoriert, mit keinem Blick würdigt, anschweigt oder misshandelt. Selbst, wenn da jemand neben einem sitzt, können wir uns einsam fühlen, obwohl wir nicht allein sind. Die meisten kennen dieses Gefühl der Einsamkeit. Auslöser können eine Scheidung sein, der Tod eines geliebten Menschen oder der Jobverlust. Niemand sei immun dagegen, schreibt der amerikanische Sozio-Neurologe John T. Cacioppo, der sich umfassend mit dem Phänomen Einsamkeit auseinander gesetzt hat.

Einsamkeit ist die schlimmste Strafe

Kaum einer ist davor gefeit. Deswegen war das Verstoßen werden von einer Gruppe früher eine der schlimmsten Strafen. Wir Menschen sind soziale Wesen, das Miteinander sicherte uns das Überleben – und tut es immer noch. Davon ausgeschlossen zu sein, ist für uns fast wie eine Todesstrafe. Es fühlt sich wie körperlicher Schmerz an. Tatsächlich erhöht Einsamkeit das Sterberisiko, wie Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, in seinem Buch „Einsamkeit – die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ belegt. Die Vereinzelung in unserer verstädterten Gesellschaft fördert diese Entwicklung.

Vielleicht hilft Chor oder Kuschelparty?

Wer aber unter Einsamkeit leidet, ist gestresst, leidet oft unter höherem Blutdruck, entsprechend steigt das Herzinfarktrisiko. Spitzer empfiehlt deswegen gegenzusteuern. Sein probates Heilmittel heißt: raus aus der Einsamkeitszone und selbst aktiv werden – im Sportverein, im Chor oder in einem Ehrenamt. Oder wie wäre es mit einer Kuschelparty? Diese Form des Körperkontakts mit Fremden erfanden die New Yorker Sexualtherapeuten Reid Mihalko und Marcia Baczynski schon 2004. Mittlerweile gibt es in Deutschland in jeder größeren Stadt Kuschelpartys.

Raus aus der Einsamkeitszone – 7 Tipps

Noch ein paar Tipps, um der Einsamkeitszone zu entfliehen: Es hilft, positiv statt negativ zu denken, schon mit der Körperhaltung Anderen gegenüber Interesse zu signalisieren, Blickkontakt zu halten, sich auch so zu kleiden, dass wir uns wohlfühlen, im Gespräch aus sich herauszugehen und über sich zu erzählen, ohne den Anderen zu übergehen – und nicht zuletzt, die Erwartungen an andere herunterzuschrauben. Auch damit aufzuhören, sein Glück von anderen abhängig zu machen, kann weniger einsam machen.

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Jeder Achte fühlt sich einsam

Leider ist Einsamkeit schon längst nicht mehr die absolute Ausnahme. Einer Studie des Marktforschungsinstituts Splendid Research zufolge fühlen sich vier von fünf Deutschen gelegentlich einsam und jeder Achte sogar häufig oder ständig. Schuld daran können der stressige Job sein, oft aber auch eine Trennung. Nadja von Saldern beschreibt in ihrem Buch „Glücklich getrennt“, wie sich das anfühlt und warum allein sein nicht einsam sein muss. „Ist man tatsächlich allein, wird man unmittelbar mit seinem Inneren konfrontiert, mit der eigenen Sehnsucht nach einer anderen Person, mit alten Kindheitsthemen und vor allem mit der Frage, ob man das Richtige im eigenen Leben tut“, so ihr Resümee. Dieses Gefühl bewusst wahrgenommen, kann, so ihre Meinung, Impuls sein, etwas zu verändern – „und was wäre wichtiger als eine Veränderung des Verhältnisses zu sich selbst“. Sie rät, „gut zu sich zu sein“. Oft sei es doch so, dass „man sich von anderen etwas wünscht, was man sich selbst meist nicht gibt, und zwar Liebe“. Ist es nicht gerade in dieser Phase besonders wichtig, damit zu beginnen, „aufmerksam, zugewandt, beschützend und liebevoll mit sich umzugehen und sich zu fördern“? So gestärkt fällt auch Neues leichter, das während der Beziehung zu kurz kam.

Alleinsein kann auch beflügeln

Alleinsein kann durchaus befruchtend sein. Das meint nicht nur Nadja von Saldern, sondern auch Maike Luhmann, Professorin für Psychologie an der Ruhr-Uni Bochum. Nicht jeder, der allein lebt, ist auch einsam. „Man kann allein sein und sich sehr wohl fühlen – und man kann von Menschenmassen umgeben sein und sich trotzdem einsam fühlen“, wird sie in der „Welt“ zitiert. Es kommt eben darauf an, wie intensiv sich jemand um soziale Kontakte bemüht. Dabei geht Qualität vor Quantität.

Manchmal ist es sogar wichtig allein zu sein und die Welt hinter sich zu lassen oder sie mit neuen Augen zu sehen, um zu spüren, wer wir selbst sind, um uns über uns selbst und unsere Wünsche klar zu werden, um mit uns ins Reine zu kommen. Genau das kann am ehesten in Momenten gelingen, in denen wir allein sind. Darum ist es wichtig, auch einmal allein zu sein.

Wie wäre es denn mal mit dem Jakobsweg?

In Stunden oder Tagen des Alleinseins rücken wir die Welt wieder gerade und erkennen, was uns wichtig ist. Diese Erkenntnis geht im Alltagstrubel nur all zu leicht verloren. Wir müssen uns gelegentlich neujustieren und ausloten, wer wir wirklich sind, unseren Ruhepol wiederfinden – im wörtlichen und übertragenen Sinn.

Wer bewusst Abstand gewinnen will, auch um Stress abzubauen und zu sich zu finden, darf sich ruhig von Hape Kerkeling inspirieren lassen, der sich auf den Jakobsweg machte, was er in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ verbal detailliert ausmalt. Oder wie wäre es mit einer persönlichen „Tour de France“, bei der wir uns ganz auf uns und unser Rad konzentrieren? Wer seine Gedanken schweifen lässt, dem fallen sicher noch ganz andere Projekte ein. Allein mit sich zu sein und seine Selbstwirksamkeit auszuprobieren, beflügelt im wahrsten Sinn des Wortes. Ganz abgesehen davon, dass die Pfunde beim Pilgern, Radfahren o. Ä. purzeln und der Stress danach wie weggeblasen ist.

Alternativ könnte auch ein Tanzkurs die Einsamkeit vertreiben – obendrein ist Tanzen gesund! Warum Tanzen so gesund ist – Rumba, Tango & Co.

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Helmut Achatz

"Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an …", nein falsch. Die Basis für ein gesundes und langes Leben fängt schon früher an - und genau das ist das Anliegen des frühen Ruheständlers Helmut Achatz, der so gar nicht ruhig sein will. Der Journalist beschäftigt sich in seinen Beiträgen mit genau diesen Themen und zeigt Wege für ein besseres Verständnis für Gesundheit und Medizin auf.

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