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„Je bunter, desto besser!“

Mehrgenerationenwohnen ist eine Wohnform, in der sich Menschen gegenseitig stützen

von Detlef Untermann (Kommentare: 0) , Foto: ©hydebrink - stock.adobe.com

„Wir brauchen neue Wohnformen“, sagt einer, der es wissen muss. Der 79-jährige Henning Scherf, von 1995 bis 2005 Bremer Bürgermeister, lebt seit drei Jahrzehnten in einer Mehrgenerationen-WG in der Bremer Innenstadt, der wohl berühmtesten Wohngemeinschaft Deutschlands, und ist diesbezüglich schwärmender Überzeugungstäter.

Zu tun hat das mit dem demografischen Wandel. So gehen Prognosen davon aus, dass 2060 jeder Dritte mindestens 65 Jahre alt sein wird. Da sind adäquate Wohnmodelle für ältere Menschen gefragt. „Wer sich in die Ecke setzt, verliert seine Kraft, wird alt“, weiß Scherf und prognostiziert: „Es entstehen Wohnformen, in denen sich Menschen gegenseitig stützen, auch wenn sie nicht miteinander verwandt sind.“

Vor 30 Jahren noch futuristisch, heute stark im Kommen

Was vor 30 Jahren noch ziemlich futuristisch klang, ist heute stark im Kommen, wobei zwischen Mehrgenerationenhaus und Mehrgenerationswohnen von der Politik unterschieden wird. Laut Definition des Bundesfamilienministeriums sind Mehrgenerationenhäuser offene „Begegnungsorte, an denen das Miteinander der Generationen aktiv gelebt wird.“ Beim Mehrgenerationenwohnen indes leben Paare, Familien und Singles unter einem Dach jeweils in ihrer eigenen Wohnung, sind aber doch durchgängig ansprechbar und unterstützen sich gegenseitig.

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Vorteile vom gemeinsamen Wohnen

Das entspricht dem Modell der Großfamilie, das gerade eine Hochkonjunktur erlebt. Mittlerweile gibt es deutschlandweit sogar schon solche Wohnformen, die sich über ganze Anlagen oder Viertel erstrecken. Die Vorteile dieses so gestalteten Zusammenlebens liegen auf der Hand: Alle Parteien bleiben weiter unabhängig. Senioren behalten länger ihre eigenen vier Wände und kommen auch noch kostengünstiger weg als in einer anderweitigen Einrichtung. Und während auf der einen Seite die Altenpflege viel wirkungsvoller und wirtschaftlicher organisiert werden kann, erfahren auf der anderen Seite berufstätige Eltern bei der Kinderbetreuung Entlastung.

Eine Hand wäscht die andere

„Das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit“, erklärt Josef Bura, Vorsitzender des Forums Gemeinschaftliches Wohnen, und fährt fort: „Im Zusammenleben kann man die Risiken des Alters dämmen, aber einen Automatismus, nach dem Jung immer Alt hilft, den gibt es nicht. Ein Ausgleich ist immer nötig.“ Wie das Zusammenleben funktioniere, hänge ein Stück weit davon ab, wie sich die Menschen darauf einließen.

Denn das ist die Kehrseite der Medaille: Die räumliche Nähe bietet natürlich ausreichend Konfliktpotenzial. Nicht zuletzt ist wichtig, dass von den Älteren der Zeitpunkt, an dem professionelle Pflege eigentlich unumgänglich ist, nicht zu lange hinausgezögert wird.

Die Kehrseite lässt sich aber mit gemeinsam erstellten Regeln wieder zum Guten wenden. Das Konzept kann nur funktionieren, wenn von vornherein klare Spielregeln festgelegt werden: „Was wäre, wenn ...?“, lautet die Frage, die man für die meisten erdenklichen Fälle schon vorher beantworten sollte. Da geht es um Verhaltensregeln, ums liebe Geld, um Konfliktlösungen, um Aufgabenverteilungen, und Raumnutzungen und um vieles andere mehr.

Die Privatsphäre spielt dabei eine besondere Rolle: „Auch Familien, die sich sehr gut verstehen, sollten eine eiserne Regel beachten: Die Wohnung der anderen ist tabu. Sie wird niemals betreten, ohne vorher anzuklopfen oder zu klingeln", rät die Psychologin und Seniorenexpertin Martina Flath. Dafür gibt es einen gemeinsamen Raum, der ein neutraler Treffpunkt für alle ist. Wer Lust auf einen gemeinsamen Spieleabend hat, kann diesen Raum nutzen, wer lieber mal einen Abend für sich ist, hat seine eigenen Räume als Rückzugsort.

Der positive Effekt, den das Zusammenleben auf das Wohlbefinden hat, muss nicht extra erwähnt werden. Interessen können gemeinsam mit anderen geteilt werden, ein Austausch über Erlebtes, Gesundheits- oder Lebensfragen ist immer möglich.

„Nichts Hals über Kopf entscheiden“

Um in einem generationsübergreifenden Wohnprojekt zu leben, ist es unumgänglich füreinander offen zu sein und sich auf Neues einzulassen. Dennoch ist es ratsam, sich bei der Suche nach Mitbewohnern Zeit zu lassen. Aus eigener Erfahrung empfiehlt beispielsweise Scherf: „Nichts überstürzen. Sich Zeit nehmen, rechtzeitig herausbekommen, ob man sich gegenseitig ertragen kann. Gemeinsam Urlaub machen – aber nicht im Hotel sondern irgendwo, wo man sich selbst organisieren muss.“ Bei der Zusammensetzung gelte, so betont der ehemalige Politiker, „je bunter, desto besser!“ und rät zu möglichst verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Biografien.

Ein Miteinander der Generation ist kein Selbstläufer

Die Zahl der Ratgeberorganisationen und -webseiten ist ebenso gestiegen wie die der selbst organisierten und gemeinschaftlichen Wohnprojekte selbst. Bereits erwähntes FORUM Gemeinschaftliches Wohnen bietet einen ersten guten Einstieg in das Thema mit Verweisen auch auf andere Seiten und Stellen. Wer fürs gemeinschaftliche Wohnen noch nicht bereit ist, aber schon Mal das Prinzip kennlernen will, kann dies in den Mehrgenerationenhäusern tun, von denen mittlerweile rund 540 deutschlandweit ihre Dienste anbieten. Wo es welche gibt, erfährt man auf der Webseite des Bundesfamilienministeriums.

Wie auch immer: Das Miteinander der Generationen ist - gleich welcher Form - kein Selbstläufer. Gibt es Konflikte, sollten sie nicht auf die lange Bank geschoben und so schnell wie möglich einvernehmlich aufgelöst werden. In diesen Konstellation sei es wie in einer guten Ehe, vergleicht es Psychologin Flath: „Beide Seiten müssen sich darum bemühen, damit es klappt.“ Dann steht auch rauschenden Jubiläumsfesten nichts mehr im Wege.

Wenn du die folgenden Fragen mit „Ja“ beantworten kannst, könnte ein gemeinsames Wohnprojekt für dich in Frage kommen:

  • Bin ich kompromissbereit?
  • Kann ich meine Wünsche und Bedürfnisse mit anderen klar kommunizieren?
  • Bin ich am Leben anderer Menschen interessiert?
  • Bin ich ein geselliger Typ?
  • Bin ich offen für Neues?

Hast du bereits Erfahrungen mit einem gemeinsamen Wohnprojekt gemacht? Könntest du dir ein gemeinsames Wohnkonzept für dich vorstellen? Lass uns deine Meinung in einem Kommentar da!

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Detlef Untermann

Detlef Untermann ist derzeit der einzige Großvater Deutschlands, der als solcher seine Gedanken in einem Blog veröffentlicht. Doch das ist längst nicht alles, was der 65-jährige Journalist und Kommunikationsmanager zu bieten hat. Der leidenschaftliche Hobbykoch ist u.a. Vorsitzender des Vereins KINDER | KOCHEN. In seinen Texten zeigt der Opa von zwei Enkeln, wie kreativ man Freizeit gestalten kann und gibt wertvolle Ratschläge aus eigener Erfahrung.

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